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Pop-Poesie zwischen Ernst und Ironie

Autorenbild: Manfred Horak
Manfred Horak
24. März
5 Min. Lesezeit

Über die zerrissene Subjektivität eines poppoetischen Ichs zum Lied "Dark Hours" von The Lemon Club.


"during sex he told me i’m a good girl / so i asked him what he defines as good and bad" – Wenn ein Lied mit solch einer Textzeile beginnt, eröffnen sich in Folge eine Vielzahl an Variablen, welchen Verlauf der Inhalt des Liedes nimmt. Ich könnte an dieser Stelle nun eine Art Schnitzeljagd in Aussicht stellen und die Leser:innen entscheiden lassen, wohin der Liedtext führen soll. Mache ich aber nicht, denn das Lied gibt es ja schon, und also auch den Text und die Idee dahinter. Musikalisch öffnet sich "Dark Hours" von The Lemon Club mit einem klischeehaften Einstieg, das an jenes Jahrzehnt erinnert, das als das letzte gilt, in der musikalische Neuerungen geschahen und gleichzeitig als das erste gilt, das zunehmend begann, sich selbst zu zitieren, sich selbst zu inszenieren, als wäre sie bereits ein Echo ihrer eigenen Geschichte. Wir kennen dieses Jahrzehnt nur allzu gut, denn "die größten Hits der 1980er Jahre" werden heute noch gerne gehört und im Radio (oder was davon übrig blieb) gespielt.


Von Rebellion zur Tradition


Eine Eigentümlichkeit der Popkultur an sich ist, dass sie ihre eigenen Grenzen unablässig verschiebt, während sie zugleich den Anschein von Kontinuität wahrt. Kaum ein Genre verdeutlicht diese paradoxe Bewegung so eindrücklich wie Rockmusik, die in den 1980er Jahren längst schon keine Rebellion mehr war, sondern bestenfalls Tradition. Im Heute angekommen ist KI geradezu prädestiniert, Grenzen zu verschieben und Kontinuität zu wahren. "Dark Hours" ist pure Rockmusik, aber auch pures Klischee oder einfach auch nur ein Rock'n'Roll-Traum, der Erinnerungen an einige weibliche Rock-Größen früherer Jahrzehnte wiederbelebt. "Dark Hours" wartet von Beginn an mit einem gängigen Gitarrenriff und einem vor sich hintreibenden Drum-Bass-Gerüst auf, 4:25 Minuten lang.


Ernsthaft?


Nicht alles sollte ernst genommen werden. Frank Zappa wusste das ebenfalls sehr genau. Sein Song “Shall We Take Ourselves Seriously?” von 1980 ist ein anderes Paradebeispiel dafür. Wie oft bei Zappa ist der Humor beißend, ironisch und dadaistisch. Es hinterfragt die Authentizität in der Popkultur und ist ein typisches Beispiel für Zappas satirischen Ansatz und seine kritische Haltung gegenüber der Musikindustrie, dem Kulturbetrieb und der Selbstdarstellung von Künstlern. Der Titel selbst stellt bereits die rhetorische Frage, ob Musiker sich selbst (und ihre Kunst) zu wichtig nehmen. Wenn wir nun auch noch die Gegenwart miteinbeziehen, sollte außerdem der Begriff "Simulation" nicht fehlen. Einst Inbegriff des Widerstands, der Authentizität und der existenziellen Dringlichkeit, generierte es sich zunehmend zum Archiv von Gesten, das im Zeitalter algorithmischer Produktion neu codiert wird. Wie sehr ist nun KI eine Rebellion, wenn sie im Musikschaffen eingesetzt wird, oder ist sie von vornherein bestenfalls Tradition, weil das Ergebnis aus dem Menschheitsgedächtnis stammt? "Dark Hours" wurde mit menschlicher Intelligenz geschrieben und getextet und dennoch simuliert die Produktion an sich menschliche Intelligenz als wäre es durch menschliche Intelligenz erzeugt worden. So what? In dieser Transformation lässt sich wiederum eine Vorahnung dessen erkennen, was der französische Medientheoretiker und Philosoph Jean Baudrillard als „Simulation“ bezeichnet hat. Zeichen, die keinen Ursprung mehr haben, ersetzen das Reale.


Realer als das Reale


The Lemon Club ist in ihrer Ausrichtung eine hybride Form. Texte, Komposition und Arrangement stammen von Simon Maurer (manchmal gemeinsam mit Mathias Kempf), die Produktion allerdings wird, wie bereits erwähnt, der Künstlichen Intelligenz überlassen, so auch im Falle von "Dark Hours". Eine weitere Frage, die sich daher stellt lautet, wie viel Authentizität in diesem perfekt produzierten Song steckt. Die Unmittelbarkeit und die Improvisation bzw. Jamming, das raue und das kantige, und nicht zuletzt die Fehleranfälligkeit, galt lange Zeit als Wahrheitsstandard in der echten, ungekünstelten Rockmusik. Heute (gestern auch schon) befinden wir uns in einer Ästhetik der glatten Oberfläche. Sogar „Fehler“ können simuliert werden als bewusste Stilmittel innerhalb eines algorithmischen Systems. Rockmusik an sich wird dadurch nicht einfach künstlich, sondern hyperreal im Sinne von Baudrillard. Realer als das Reale, weil es jede Spur von Zufälligkeit kontrolliert und reproduziert. Das klingt jetzt alles nach sehr großer Motschkerei und einige werden vielleicht denken, "ja, früher war eben alles besser". Wir sollten diese Entwicklung allerdings positiv (oder zumindest neutral) betrachten und nicht als Verlust, denn es eröffnet auch neue Formen der Reflexivität. Wenn jede Geste potenziell simuliert ist, wird die Entscheidung für oder gegen bestimmte Formen des Ausdrucks selbst zum Gegenstand ästhetischer Praxis. In "Dark Hours" erleben wir diese Entscheidung sehr genau.


Platon und Kant


Zudem entfaltet der Text von "Dark Hours" eine bemerkenswert dichte Semantik, in der sich philosophische Referenzen, intime Körpererfahrungen und existenzielle Fragestellungen überlagern. So erfahren wir von der eingangs gesungenen Frage, was ihr Liebhaber als gut und schlecht definiert: "he told me he’s into kant and into plato / and i kissed him and told him i’m in love". Diese Antwort wirkt weniger als ernsthafte philosophische Positionierung denn als Abgrenzung, in der Bildung zur erotischen Geste und Theorie zur Verführungstechnik wird. Insgesamt schwingt der Text irgendwo zwischen Reflexion und Impuls, und möglicherweise sogar zwischen Ironie und Ernst. Das wiederkehrende Motiv des Songtextes ist natürlich der klassisch-rockige und sehr eingängige Refrain. Die Nacht fungiert hier als Topos gesteigerter Innerlichkeit, das tief in der romantischen Tradition verwurzelt ist. „the dark hours belong to the poets“ verweist auf eine privilegierte Beziehung zwischen künstlerischer Sensibilität und existenzieller Grenzerfahrung. Der „inner ghost“, der um Mitternacht erwacht, wird nicht als gefährlich beschrieben, sondern als schwierig: „it’s not dangerous, but it ain’t easy either“. Die Gefahr liegt nicht im Außen, sondern in der Intensität des eigenen Empfindens. Die Textzeile „when i’m lonely i punch myself like hell“ markiert wiederum einen abrupten Bruch in der Tonlage. Selbstverletzung erscheint hier nicht als spektakuläres Ereignis, sondern als beinahe beiläufige Praxis und als ein Versuch, innere Leere oder Überforderung physisch zu regulieren.


Die eigentliche Stärke des Songs


Insgesamt lässt sich der Text von "Dark Hours" als Ausdruck einer spezifisch gegenwärtigen Sensibilität lesen, die sich ihrer eigenen Widersprüchlichkeit bewusst ist und diese nicht auflösen, sondern sichtbar machen will. Die Repetition des Refrains am Ende verstärkt den Eindruck eines Kreislaufs, aus dem es kein einfaches Entkommen gibt. Die Referenzen auf Kant und Platon erscheinen dabei ebenso wenig als Fremdkörper wie die instrumentale Rockmusik-Referenz. Beide sind Teil eines kulturellen Repertoires, das ebenso selbstverständlich in intime Situationen integriert wird wie popkulturelle Codes, alltagssprachliche Wendungen und das für große Stadien prädestinierte Rockarrangement von "Dark Hours". Gerade in dieser Gleichzeitigkeit von Hochkultur und Intimität, von Reflexion und Affekt, liegt die eigentliche Stärke des Songs als gelungenes Beispiel, das uns zeigt, dass Künstler:innen mit der Künstlichkeit spielen können, sie offenlegen, sie ironisieren oder radikalisieren. Die KI-Ära begräbt nicht die Rockmusik, sondern überführt es in eine neue Phase, in der ihre Semantik nicht mehr auf Authentizität, sondern auf Bewusstheit basiert. Eine Bewusstheit, die sich in der Textzeile "where do all the flowers go, and why war?" äußert, die sich erneut auf die Semantik der Popkultur bezieht, einerseits auf das Antikriegs-Lied von Pete Seeger (1955), das durch Marlene Dietrichs Version 1962 international bekannt wurde, und auf den Briefwechsel aus dem Jahr 1932 “Warum Krieg?” zwischen Albert Einstein und Sigmund Freud. Sie sammele Fragen, singt das Ich im Song, so wie andere Blumen sammeln, und sie trägt sie wie eine Krone, die manchmal schmerzt. Ein Bild, das Erkenntnisdrang und Schmerz untrennbar miteinander verknüpft, zum Zeichen einer besonderen Sensibilität. Erkenntnis ist keine Erlösung, sondern eine Last.

 
 
 

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