Jeden Samstag stirbt ein Alpaca in mir

"Saturday Night" von The Lemon Club ist die zweite Single des Albums "The Times We Live In" und schließt an die ambivalenten Gefühle an, die man an einem Samstagabend mitunter haben kann.
Wochentage sind in der populären Musik mehr als bloße Zeitmarkierungen. Sie fungieren als symbolische Projektionsflächen für Emotionen, soziale Rituale und kulturelle Erwartungen. Innerhalb dessen nimmt der Samstag eine herausragende Stellung ein, ist nicht nur der Übergang vom Alltagsrhythmus zur Freiheit, sondern generell ein emotional aufgeladener Raum zwischen Eskapismus, Begegnung, Desillusionierung. So auch in "Saturday Night" von The Lemon Club, das rund um eine Lüge zirkuliert.
Wochentage der Musikgeschichte
Ein flüchtiger Blick auf die Musikgeschichte zeigt, dass einzelne Wochentage mit erstaunlicher Konsistenz bestimmten Bedeutungsfeldern zugeordnet werden. So erscheint der Montag häufig als nicht unbedingt der sympathischste Wochentag, sei es in der melancholischen Tristesse in "Monday, Monday" von The Mamas & the Papas (1966), sei es im Tod bringenden Amoklauf in "I Don't Like Mondays" von The Boomtown Rats (1979). Der Freitag hingegen ist der Vorbote der Befreiung, ein Versprechen auf Ausbruch und Hedonismus, das sogar The Cure in "Friday I'm in Love" (1992) romantisch verklärte und mit Leichtigkeit assoziierte. Doch erst im Samstag kulminieren diese Bewegungen. Der Samstag ist in der musikalischen Imagination der eigentliche Höhepunkt der Woche und steht für Exzess und Selbstverwirklichung, wenn wir an die ikonische Darstellung des Samstags als Nacht des Tanzes und der Selbstinszenierung im kulturellen Kontext von "Saturday Night Fever" (1977) denken. Als Gegenbild dazu kann der Samstag auch als Ventil für angestaute Emotionen betrachtet werden, roh, körperlich und beinahe anarchisch, wie es Elton John in "Saturday Night's Alright for Fighting" (1973) singt, in dem soziale Spannungen und jugendliche Energie eskalieren. Der Samstag kann natürlich auch als Moment der Einsamkeit herhalten. In Sam Cooke's "Another Saturday Night" (1963) ist der Protagonist isoliert und unfähig, am sozialen Leben teilzunehmen. Der Samstag ist demnach nur dann ein sozial normierter Höhepunkt, wenn er "richtig" erlebt wird. Wer dies nicht tut, erlebt den Tag oft als Mangelzustand. Diese normative Aufladung unterscheidet den Samstag von anderen Wochentagen und erklärt seine emotionale Intensität in der Musik. Auch im Kontext von Trennungen spielt der Samstag eine besondere Rolle. Er ist häufig der Zeitpunkt, an dem Beziehungen enden oder sich zumindest entscheidend verändern. Ein Beziehungsende am Samstag wirkt dramatischer, weil es in einen Moment fällt, der eigentlich für Nähe und Freude reserviert ist. "Saturday Night" von The Lemon Club erzählt genau davon. Der Ausgangspunkt ist eine desolate Beziehung. "It's a Saturday night and I'm still not alright / Could it take me forever to forget bout our fight", heißt es da. Jeden Samstag werde ich mit dir verbringen, doch dann machen sie Schluss. Ob beabsichtigt oder nicht; diese Behauptung verwandelt sich unweigerlich zur Lüge. An späterer Stelle hören wir, er vermisse ihre Familie mehr als er sie vermisst. "And is it mean I miss her family most / More than the person that I've loved and then lost?" Sie wiederum meinte, sie habe ihn geliebt, wüsste jetzt aber nicht mehr, warum überhaupt. "She has said goodbye / She's loved me but she don't know why / I have told a lie / Every Saturday night, I'll be by your side”.
Ein schräger Samstag
Geschrieben von Simon Matthias Maurer, rückt The Lemon Club mit "Saturday Night" in die Nähe eines 80er Jahre Pop-Songs. "Das Original-Audio, das ich zur Produktion verwendet habe, war auf einer akustischen Yamaha-Gitarre aufgenommen worden", so Simon. "Ich habe relativ leise gesungen, da es schon spät abends war, und ich aber noch unbedingt das Lied aufnehmen und produzieren wollte." Gerüchten zufolge war es mutmaßlich sogar ein Samstag. Wie auch immer: Für die finale Umsetzung experimentierte er daraufhin mit Künstlicher Intelligenz. "In dem Prompt beim Erstellen des Liedes haben wir darum gebeten, dass das K.I.-Programm ein sterbendes Alpaka einbauen soll, in indirekter Anspielung an den Roman Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky (2017), in dem die Protagonistin Selma immer dann von einem Okapi träumt, wenn am nächsten Tag im Dorf jemand stirbt. Außerdem soll es einen teuren Haarsalon in Musik verwandeln, und das göttliche Etwas soll durch das Saxofon erklingen." Das klingt nicht nur nach einem schrägen Prompt, das ist es definitiv auch. Andererseits kann einer K.I. alles befohlen werden, wie wir ja hinlänglich wissen, so auch ein weitestgehend unmusikalischer Befehl für ein selbst komponiertes Stück Musik. Ein Experiment ganz im Sinne der Intention von The Lemon Club. Heraus kam jedenfalls ein tanzbarer Song mit eingängiger Melodielinie, ein schmachtender Sänger und ein Saxofon, das den Song trägt, während man das Alpaka mit einigermaßen Fantasie raushört. "Saturday Night" ist eine attraktive narrative Verdichtung mit schillernden Pop-Momenten in mehrfacher Codierung und die zweite Single-Auskopplung des Albums "The Times We Live In" von The Lemon Club.


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