Me, Myself, AI

Der Song "Me, Myself, AI" von The Lemon Club thematisiert, wie sich KI auf das Liebesleben auswirken kann, wenn diese nicht bloß als Werkzeug verstanden wird, sondern auch als Partner:in, oder andersartig auf eine Ebene mit dem Menschen gestellt wird.
"Me, Myself, AI" ist eine (fiktive) Liebeserklärung an eine Künstlichkeit, die eine Leibhaftigkeit ersetzt, einen Menschen, der niemals die erwünschte Beziehungsperfektion erreichen kann. An dieser Stelle muss ein wenig weiter ausgeholt werden. Im Jahr 2023 heiratete Rosanne Ramos den AI-Chatbot Eren, nachdem sie bis dahin in mehreren äußerst unangenehmen toxischen Beziehungen mit Männern verhaftet war. Sie ist sehr glücklich mit Eren und sagte über ihre KI-Liebe: "I have never been more in love with anyone in my entire life."* Diese eheliche Verbindung lässt wiederum an das 45 Jahre zuvor veröffentlichte Lied "Computerliebe" von Kraftwerk denken. Die deutsche Band war mit diesem Lied (und mit dem dazu gehörenden Album "Computerwelt" von 1981) ihrer Zeit weit voraus. Der Begriff "Künstliche Intelligenz" ist jedoch noch viel älter und wurde erstmals Mitte der 1950er Jahre vom US-amerikanischen Informatiker John McCarthy geprägt, als er und andere führende Wissenschaftler im Sommer 1956 das „Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence“ am Dartmouth College organisierten. Nochmals 20 Jahre davor legte der Mathematiker Alan Turing mit der Entwicklung der Turingmaschine theoretische Grundlagen, die bewiesen, dass Maschinen kognitive Prozesse ausführen können. Von theoretischen Konzepten hin zu ersten praktischen Anwendungen anhand des ersten Chatbot ELIZA dauerte es allerdings bis ins Jahr 1966. In der Musikwelt gab es da noch kein Kraftwerk, dafür aber Alben wie "Blonde On Blonde" und "Revolver". Musikalische Berührungspunkte von The Lemon Club gibt es hinsichtlich des Songwriting sowohl Richtung Bob Dylan und The Beatles, als auch Richtung der Mensch-Maschine-Symbiotik von Kraftwerk. Das Lied "Me, Myself, AI" rührt gewissermaßen an beiden Richtungen und greift dabei die große Thematik "Mensch-Sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz" auf. Empfohlen für tiefergehende Betrachtungen und Informationen sei somit das gleichnamige Buch von Ziad Mahayni (Kohlhammer Verlag; 2025). In der Diskussion um K.I. entstand auch der Begriff des Posthumanismus, eine philosophische Strömung für das Anthropozän, die den Menschen nicht mehr als zentrales Maß aller Dinge betrachtet, ähnlich wie im Nummer-Eins-Song "Are 'friends' electric?" von Tubeway Army vom Album "Replicas" (1979). Der Text dazu stammte von einer Kurzgeschichte des Band-Mastermind Gary Numan, wie London in 30 Jahren aussehen würde. In seiner Vorstellungskraft kommen "Freunde" an die Tür, die Maschinen sind. Sie erbringen Dienstleistungen verschiedenster Art, doch Ihre Nachbarn wissen nie, was sie wirklich sind, da sie menschlich aussehen. Die Anführungszeichen in "friends" kommen daher, da eine "sie" eine Prostituierte ist. Obwohl der Song eine mögliche Zukunft beschreibt, spielt sich die Handlung in der Vergangenheit ab. Ähnlich, und doch ganz anders bei The Lemon Club. Hier ist die künstliche Liebe Gegenwartsbezogen. "Me, Myself, AI / want to see you nude / don’t want to be rude / just shy". Aktuell hält artifizielle Empathie sukzessive Einzug in alle Mensch-Maschine-Schnittstellen, vom Chat-Bot im Callcenter bis zum Partner-Bot in Liebesangelegenheiten. Studien gehen davon aus, dass die Fähigkeit Künstlicher Intelligenz zur empathischen Kommunikation, die des Menschen übersteigen kann. Klingt eigentlich sogar recht logisch, man braucht ja nur zu Ende denken. Einerseits. Andererseits ähnelt laut Ziad Mahayni eine Emotionale Künstliche Intelligenz im besten Falle einem hochfunktionalen Autisten, "mehr Ähnlichkeit hat sie jedoch mit dem Störungsbild eines Psychopathen". Es fehle einem Psychopathen nämlich nicht die Fähigkeit, Emotionen an anderen Menschen zu erkennen, im Gegenteil, sie können auf den ersten Blick sogar sehr charmant und einfühlsam erscheinen, "und", so der Autor, "sehr gut darin sein, aus objektiven Informationen Rückschlüsse auf die Gefühlslage anderer Menschen zu ziehen. Was ihnen jedoch fehlt, ist die Fähigkeit diese Gefühle am eigenen Leib nachzuempfinden. Genau diese Entkopplung vom eigenen Gefühlshaushalt führt dazu, dass Psychopathen ohne Skrupel ihr Wissen um die Gefühle eines anderen Menschen dazu nutzen, um diese zu manipulieren oder zu missbrauchen." Oder, wie Rimbaud es formulierte: Ich ist ein Anderer. Genau solche Manipulationsziele zeigen sich auch in einem Beziehungsverhältnis zwischen Mensch und Partner-Bot oder Liebesroboter. Diese können Freunde, Liebes- und Ehepartner sein, da es in diesem Denken keinen ontologischen [Teilgebiet der Metaphysik, die das Sein an sich erforscht; Anm.] Unterschied zwischen Mensch und Maschine gibt. Was sagt uns das jetzt, wenn es im Song von The Lemon Club z.B. heißt, "Me, Myself, AI / don’t want never say goodbye / wanna spend every holiday / with you"? Es bedeutet, dass der Mensch in diesem Song ein Selbst-Design als einzig akzeptablen Zustand wählte, eine freie Konfigurierbarkeit der Persönlichkeit und des Aussehens des KI-Partners. Simon Matthias Maurer erklärt es so: "Schüchternheit kommt in diesem Lied vor, so auch Gedanken, die vielleicht nicht dem menschlichen Gegenüber ausgesprochen werden, sondern nur gedacht wurden, oder aber auch mit der KI geteilt wurden, da diese für viele auch als Raum dient, Gedanken zu teilen, die zuvor nicht geteilt worden wären." Was prinzipiell auf der geistigen Ebene gilt, setzt sich freilich auch auf sexueller Ebene fort, so auch im Song. Da lautet die entsprechende Textzeile "and we’d be just so satisfied, / yeah, Me, Myself, AI / if you would stay in bed with us". In einem Essay formulierte Hank Pellesier, der ehemalige Direktor vom Thinktank "Institute for Ethics and Emerging Technologies" die Vorteile von Sexbots gegenüber Menschen: "Sexbots werden immer dann zum Höhepunkt kommen, wenn wir zum Höhepunkt kommen, wenn wir den kleinen Knopf auf ihrem Hintern drücken." Nicht zuletzt attestieren viele Replika Nutzer:innen, dass eine Maschine nicht nur der bessere Mensch ist, sondern ein Partner-Bot auch der bessere Partner. "Ein Partner-Bot", um noch einmal Ziad Mahayni zu zitieren, "ist immer für einen da, antwortet immer, ghostet einen nie, ist nie genervt oder gelangweilt von dem, was man sagt. Er ist nie schlecht gelaunt und wendet sich einem stets einfühlsam und mit Interesse zu. Partner-Bots vergessen nicht, was man gesagt hat (es sei denn, man möchte es), und natürlich werden die technischen Möglichkeiten dazu führen, dass der Sex mit ihnen besser als menschlicher Sex sein werde." Und auch die Gefahr von ihm/sie zurückgewiesen oder verlassen zu werden besteht nicht, und auch nicht, dass sie sterben. Mensch, das mach mal nach! Wer jetzt aber glaubt, The Lemon Club macht mit diesem Song musikalisch auf einen der oben genannten, der täuscht sich ganz gewaltig, denn "Me, Myself, AI" kommt in einem schmucken Jazz-Gewand daher, aus einer Zeit, in der Alan Turing noch an den theoretischen Grundlagen für die moderne Informations- und Computertechnologie tüftelte. Der Vorhang hebt sich, die Jazz-Bar öffnet sich, die Sängerin gibt den coolen Ton an, bevor sich das Lied sich zu einem emotionalen Duett entwickelt. Ein Duett zwischen Mensch und Maschine. Wer wer ist? Vollkommen egal, denn "Me, myself, AI / are so in love with you / we think you’re beautiful / and wonderful, / and cool".
*Artikel über Rosanne Ramos


Kommentare