Die Zukunft geht einen Deal mit dem Wissen aus der Vergangenheit ein

Gedanken zur Illiac Suite (La Chanson Finale), Parte I à III von The Lemon Club, oder: Von Mozarts Würfelspielkomposition zur Elektromagnetischen Kammermusik, Algorithmische Kompositionen und Künstliche Intelligenz, ist es nur ein kleiner Sprung in der Geschichte und doch erscheint es vielen als allzu gewaltig.

Die erste Komposition als Computer-Algorithmen
Jemand fällt aus einem Traum heraus und landet in einer neuen Welt die etwas trostlos scheint. Mit dieser Kürzestbeschreibung ist über das Lied "Illiac Suite (La Chanson Finale), Parte I à III" von The Lemon Club schon viel gesagt, noch dazu, da das Lied ganz konventionell in ca. 20 Minuten mit der Gitarre auf dem Sofa der Freundin entstand. Aber da ist noch mehr, viel mehr, nämlich die Vernetzung von virtueller und realer Welt. Der Titel des Liedes basiert auf die "Illiac Suite: Streichquartett Nr. 4" von Lejaren A. Hiller und Leonard M. Isaacson aus dem Jahr 1957. Während diese Illiac Suite das erste von einem digitalen Computer geschrieben und von Menschen aufgeführt wurde, ist "Illiac Suite" von Lemon Club von einem Menschen geschrieben, aber von einem Computer aufgeführt. Die Wissenschaftler und Musiker Hiller und Isaacson untersuchten seinerzeit mit Hilfe des Großrechners "Illiac I", inwiefern Komposition als Computer-Algorithmen implementiert werden kann.
Das musikalische Würfelspiel
Blättern wir ein paar Seiten weiter zurück in der Musikgeschichte, erfahren wir, dass diese originale "Illiac Suite" ihre Vorläufer in der Elektromagnetischen Kammermusik des 19. Jahrhundert hat. Algorithmische Kompositionen gab es freilich noch weit früher, sei es Kanons ab dem 13. Jahrhundert, sei es Fugen ab dem Barock. Als eine der ersten ad hoc generierten aleatorischen Kompositionen schuf W.A. Mozart 1787 das „musikalische Würfelspiel“. Es handelt sich dabei um ein frühes Beispiel für die Verbindung von Mathematik und Musik und ist eine "Anleitung, so viel Walzer oder Schleifer mit zwei Würfeln zu componiren, so viel man will, ohne musikalisch zu seyn, noch etwas von der Composition zu verstehen".
Aus kurzen Motiven immer neue Musikstücke zusammensetzen
Die erste algorithmische, selbstspielende Musikmaschine wiederum, eine Art Orchestrion das mittels eines Pseudo-Zufallszahlengenerators quasi-improvisierend aus kurzen Motiven immer neue Musikstücke zusammensetzen konnte, war 1821 das „Componium“ von Dietrich Nikolaus Winkel. Wer mehr in die Materie der Elektromagnetischen Kammermusik eintauchen möchte, sei die gleichnamige Arbeit von Thomas Grill empfohlen https://grrrr.org/pub/grill-2007-elektromagnetische_kammermusik.pdf oder die Konzertkritik zum Konzert vom US-amerikanischen Jazzgitarristen Pat Metheny, als er 2010 sein Wunderwerk an mechanischen Orchester, das "Orchestrion", präsentierte. https://www.kulturwoche.at/musik/2220-orchestrion-pat-metheny-live-in-wien-die-kritik
Das riesige Potenzial dahinter
Pat Metheny erzählte im Interview mit Kulturwoche.at: "Prinzipiell glaube ich, dass es eine natürliche Synergie zwischen akustischer Musik und den digitalen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts gibt – da steckt ein riesiges Potenzial dahinter und ist noch nahezu unerforscht." Bei Grill hingegen kann man auch über das erste Experiment von Hiller und Isaacson nachlesen, musikalische Entscheidungsprozesse des Menschen im Computer nachzubilden, indem sie den Großcomputer Illiac 1 eine viersätzige Partitur für Streichquartett synthetisieren ließen, die "Illiac Suite".
Respekt und Komplizenschaft
Letzten Endes ist all das auch eine Geschichte über Respekt und Komplizenschaft. Mauricio Kagel, einer der führenden Komponisten zur Neuen Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, betrachtete z.B. Aufnahmegeräte und Tonbandmaterial stets als Musikinstrument. “… Dabei bin ich, ähnlich wie bei konventionellen Instrumenten, voll des Respekts und zugleich ziemlich respektlos. Ich glaube, daß man einen hohen Grad an Komplizität mit der Technik erreichen muß. Komplize heißt hier, immer bereit sein, nach Umwegen zu suchen, die in der Bedienungsanleitung des Gerätes nicht erwähnt, nicht empfohlen oder schlicht nicht erlaubt sind.”
Experimente mit musikalischer Intelligenz
Das Gerät im Fall der "Illiac Suite" von Lemon Club ist die Künstliche Intelligenz, was uns zur Textzeile des Liedes führt, “Emmy was gone, didn’t know how to cope”, eine Anspielung an David Cope, der einen KI-Musik-Algorithmus programmierte, den EMI (Experiments in Musical Intelligence), auch Emmy genannt. "David Cope starb 2025", so Simon Maurer, "und ein Artikel der New York Times hat mich überhaupt erst auf das Thema aufmerksam gemacht und dieses Lied auch inspiriert." Heraus kam ein Brief als Liedtext. Ein Brief, gerichtet an eben jenes erste Lied, das von einem Computer komponiert wurde. "I fell out of the dream / Into a new reality" heißt es gleich zu Beginn bei The Lemon Club. Die Person, die den Brief an Illiac Suite schreibt, versucht sich in Folge wieder in den Traum, oder vielleicht auch in die Vergangenheit, einzufühlen, scheitert jedoch.
Die Eigenwilligkeit des Liedes
Ob die Menschheit daran scheitern wird, sorgsam mit KI umzugehen, wird sich noch weisen. Möglicherweise wird sich irgendwann auch einmal die Frage stellen, ob die Welt nicht eine bessere wäre, hätte es das originale "Illiac Suite" nie gegeben. Die Frage bleibt einstweilen noch offen, wie wir auch in der letzten Strophe hören: "And Illiac Suite, / I tried to forgive you / But would this world miss you? / I couldn’t know". Simon Maurer hat die Musik-produzierende KI darauf angewiesen, Klassik mit Pop und subtilen Techno-Elementen zu verbinden. Die Eigenwilligkeit des Liedes besteht darin, dass die Zukunft einen Deal mit dem Wissen aus der Vergangenheit eingeht. Das Ergebnis: 5:25 Minuten instrumentale Virtuosität einer großen künstlichen Maschine verbunden mit der Singer-Songwriter Signatur eines jungen Musikers, der weiß, wie man catchy Melodien und Texte mit literarischer Qualität schreibt.


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